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Der richtige Umgang mit herausforderndem Verhalten

Herausforderndes Verhalten verstehen und damit richtig umgehen

"So kann das nicht weitergehen, da muss etwas passieren, da müssen wir etwas unternehmen ..." Ein Beitrag der Gerontologin Dr. Marion Bär.

 

Mit herausforderndem Verhalten umgehen

In den allermeisten Alltagssituationen gelingt es uns, die Menschen, mit denen wir umgehen, einigermaßen gut zu verstehen. Mit einiger Erfahrung in der Betreuung werden Sie sogar Verhaltensweisen alter Menschen nachfühlen können, bei denen manche Kollegen den Kopf schütteln. Aber das gelingt nicht immer. Zu Ihrem Arbeitsalltag gehören auch Momente, wo Sie sich fragen: Was geht in dem Menschen vor, dass er sich so verhält? „So“ - das sind diejenigen Verhaltensweisen, die uns irritieren, und wo wir denken „so kann das nicht weitergehen, da muss etwas passieren, da müssen wir etwas unternehmen“.

Frau G. sitzt in ihrem Zimmer und schreit. Sie schreit seit Stunden. Der hohe Fistelton ihrer Stimme geht durch den ganzen Wohnbereich und allen durch Mark und Bein. Die Mitarbeitenden machen sich Gedanken: Was können wir tun? Sie bringen die alte Dame, die stark dement und auf den Rollstuhl angewiesen ist, in den Tagesraum. Vielleicht braucht sie einfach mehr Anregung? Aber Frau G. schreit weiter. Eine Mitarbeiterin setzt sich zu ihr und nimmt ihre Hand, streichelt sie, redet ruhig auf sie ein. Frau G. hört auf zu schreien. Nach fünf Minuten muss die Mitarbeiterin weiter. Kaum hat sie Frau G. verlassen, geht das Schreien wieder los. Die anderen alten Damen und Herren protestieren. Der erste Angehörige betritt den Wohnbereich und zieht die Augenbrauen zusammen. Am Ende wird die Dame wieder auf ihr Zimmer gebracht. Und da sitzt sie wieder wie zuvor und schreit bis zum Abend.   

Dies ist ein Beispiel für typische Verhaltensweisen, die alle Mitarbeitenden an ihre Grenzen bringen. Weitere Beispiele sind:
•    starke Unruhe: Frau H. läuft, wie von einer inneren Qual getrieben, den Gang auf und ab, auf und ab. Sie kann kaum mehr, aber sie muss weiter, immer weiter.
•    aggressives Verhalten: Wehe, du kommst einen Schritt näher! sagt der Körperausdruck von Herrn F., der vor mir steht, als wolle er gleich zuschlagen.
•    Weg-/Hinlauftendenzen: „Ich muss jetzt heim!“ Frau S. ist durch nichts davon zu überzeugen, dass niemand mehr zuhause auf sie wartet, für den sie kochen müsste.  
•    Apathisches Verhalten: Frau K., schwer dement, sitzt den ganzen Tag scheinbar regungslos in ihrem Rollstuhl. Ob etwas sie noch erreicht, ob Sie innerlich teilnimmt an ihrer Umgebung? Wenn man das wüsste! Gefühlsreaktionen zeigt sie kaum.

Verhaltensweisen wie diese rufen bei Mitarbeitenden in der Regel eine oder mehrere der folgenden Reaktionen hervor:
•    Gefühlsreaktionen: Stress, Unbehagen, Abwehr, „Genervtsein“, Resignation  
•    Handlungsdruck: Wir müssen etwas unternehmen! Und wir müssen das Richtige tun, sonst wir alles noch schlimmer.
•    Ratlosigkeit: Aber wir haben keine Ahnung, was eine gute Lösung ist. Wir wissen nicht, was in dieser Situation wirklich hilft.  

Für solche Situationen reicht das „Basisprogramm“ des Alltagsverstehens nicht aus. Es braucht eine „verstehende Diagnostik“, um Ursachen des Verhaltens und finden und Lösungen zu entwickeln.

Herausforderndes Verhalten verstehen

Herausfordernde Verhaltensweisen haben immer eine Ursache. Diese Ursache zu finden, ist der Schlüssel für alles weitere. Das heißt: Sie müssen sich auf die Suche begeben, am besten gemeinsam im Team. Passen Sie auf, dass Sie dabei nicht in eine Sackgasse geraten. Eine typische Sackgasse ist: „Klar, dass Frau D. andauernd nach Hause will: Sie ist ja dement!“ Grund gefunden, Suche beendet? Falsch! Denn beileibe nicht alle Menschen mit Demenz wollen nach Hause, und wenn sie nachhause wollen, dann nicht unbedingt aus den gleichen Gründen. Die Demenz ist nur ein „Hintergrundfaktor“: Sie macht es dem Menschen schwer, den Alltag zu verstehen, macht ihn anfällig für Stress und behindert ihn darin, dass er seine Bedürfnisse ausdrücken kann. Sie ist nicht der „Auslöser“ dafür, dass Frau D. nachhause will.

Auslöser für herausforderndes Verhalten: Bedürfnisse und Stressfaktoren

Bei herausforderndem Verhalten geht es sehr oft um Bedürfnisse :
•    Das Verhalten kann ein Versuch oder ein Weg sein, ein Bedürfnis zu befriedigen. Beispiel: ein Mensch uriniert in den Papierkorb, weil „es“ eilt, und der Papierkorb, weil „unten zu“, erscheint als gute Gelegenheit.
•    Das Verhalten kann eine Folge davon sein, dass ein Bedürfnis nicht erfüllt oder respektiert wurde. Beispiel:  Herr F. wird wütend und erhebt seine Hand gegen mich, weil er sich in diesem Moment von mir körperlich bedrängt fühlt und sich nicht mehr anders zu helfen weiß.

Das Verhalten kann auch die Folge von Stressfaktoren sein:
•    Körperlicher Stress. Beispiele: Frau K. drückt es im Unterleib. Aufgrund ihrer fortgeschrittenen Demenz versteht sie nicht mehr, dass das ein Stuhldrang ist und dass sie zur Toilette gehen müsste. Weitere Beispiele: Hunger- Durstgefühl, Schmerzen, akuter Schlafmangel, …
•    Psychischer und sozialer Stress. Beispiel: Die Tischnachbarn von Herrn G. sind einhellig der Meinung, und drücken das auch lautstark aus: Herr G. solle gefälligst nicht mit den Fingern essen. Herr G. weiß aber nicht mehr, wie man Messer und Gabel benutzt. Irgendwann wirft er den Teller zu Boden.
•    Umgebungsstress. Frau S. reagiert ängstlich, wenn es zu laut ist. Herrn F. macht die nächtliche Dunkelheit Angst. Frau M. entkleidet sich, weil es ihr zu warm ist, usw.

Wie können Sie vorgehen?

Die beste Möglichkeit, Lösungen bei herausforderndem Verhalten zu finden, ist eine Fallbesprechung im Team. Aber auch allein können Sie das folgende Ablaufschema nutzen . Es hilft Ihnen, alle wichtigen Dinge zu berücksichtigen, die im Alltag oft übersehen werden.

1.    Beschreiben sie das Verhalten, ohne es zu bewerten:
Wann tritt das Verhalten auf? Was passiert genau? Gibt es Gesetzmäßigkeiten (z.B. im Tagesablauf)? Gibt es etwas, was den Menschen dazu bringt, aufzuhören?
Bei Frau G. haben wir gesehen, dass sie aufhört zu schreien, wenn sich ihr jemand zuwendet. Außerdem: Morgens schreit sie nicht, das Schreien beginnt immer erst gegen Nachmittag.  

2.    Unterschiedliche Perspektiven anschauen
•    Wer (der Mensch selbst, Mitbewohner, Angehörige, wir) leidet unter dem Verhalten?
•    Welche Gefühle löst das Verhalten in uns Mitarbeitenden aus?
•    Wie könnte der Mensch selbst die Situation sehen?
Das Schreien von Frau G. löste bei den Mitarbeitenden eine Mischung aus Hilflosigkeit, Frust und Genervt sein aus. Frau G. selbst, darin waren sich alle einig, drückt irgendeine Art von Unwohlsein aus, ohne dass man sagen könnte, was ihr fehlt.

3.    Mögliche Gründe des Verhaltens finden
Hier geht es darum, Ideen zu sammeln. Was fällt mir, fällt uns dazu ein? Sagen Sie nicht zu früh: „Das kann nicht sein“. Je kreativer man in der Ideensuche ist, desto besser. Was das wahrscheinlichste ist, danach wird anschließend geschaut.

4.    Maßnahmen festlegen
Am Schluss dieser Phase sollte man sich auf ein oder zwei Gründe einigen, die Sie für am wahrscheinlichsten halten. Wenn Sie sich festgelegt haben, lautet die nächste Frage: Wenn dies die Ursache für das Verhalten sein sollte,- was können wir dann tun? Sie entscheiden gemeinsam, welche Maßnahmen Sie probieren wollen, und über welchen Zeitraum Sie dies versuchen, bis Sie den Erfolg bewerten.  

Bei Frau G. war es relativ schwer, Gründe für ihr Verhalten zu finden. Warum schreit jemand stundenlang? Hier haben die Mitarbeitenden in einem Fachbuch recherchiert. Insgesamt 26 Möglichkeiten waren dort aufgelistet  (vgl. James 2011, S. 40). Die meisten erschienen bei Frau G. nicht wahrscheinlich. Am naheliegendsten war der Grund „erhöhte Reizbarkeit wegen Müdigkeit“, weil Frau G. erst nachmittags zu schreien anfängt. Das Team hat beschlossen, Frau G. ins Bett zu helfen, wenn das Schreien anfängt. Außerdem wird eine in Basaler Stimulation ausgebildete Kollegin aus der Pflege eine beruhigende Einreibung mit ätherischem Öl probieren. Nach einer Woche sollen die Erfahrungen im Team wieder ausgetauscht werden.  

Manchmal findet man den richtigen Weg erst nach mehreren Ansätzen. Lassen Sie sich nicht entmutigen! Schon das gemeinsame Suchen selbst kann etwas bewirken. Wichtig ist, einen Hintergrundfaktor wie z.B. Demenz nicht mit dem Auslöser zu verwechseln. Eine Mitarbeiterin erzählte mir: „Wir sind wirklich verzweifelt, weil Frau S. nie beim Essen sitzen geblieben ist. Wir haben dann eine Fallbesprechung durchgeführt. Und es war ganz komisch: Wir hatten zwar keine tollen Ideen, was wir machen könnten, aber das gemeinsame Suchen nach Lösungen hat irgendetwas entspannt. Wir sind mit dem Verhalten von Frau S. viel lockerer umgegangen, und sie hatte plötzlich mehr Ruhe. Heute sitzt sie beim Essen mit den anderen am Tisch, ohne dass wir viel dazu hätten tun müssen.“


Mehr von Marion Bär zu diesem und anderen Themen für Betreuungskräfte:
Das große Handbuch für Betreuungskräfte, erschienen im SingLiesel Verlag

 

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