phone Schnell und einfach bestellen
Telefon: 0721 37 19-520
Kauf auf Rechnung und kostenfreier Versand

Sollen, dürfen Menschen mit Demenz "aktiviert werden"?

Müssen sollen, dürfen Menschen mit Demenz "aktiviert werden?

Die Idee, ich könnte jemanden "aktivieren", ist absurd und zwar aus zwei Gründen ... Ein Beitrag der Gerontologin Dr. Marion Bär.

Aktiv-Sein und „aktiviert“ werden: Ein Unterschied?
Ist es gut, im Alter aktiv zu sein? Auch dann, wenn ich mit immer mehr Einschränkungen leben muss? Es spricht vieles für diese Annahme. Forschungsergebnisse weisen deutlich darauf hin, dass ein aktiver Lebensstil zu mehr Gesundheit und Zufriedenheit führt, auch im Alter. Ob ich mich nun körperlich bewege, viel unter Menschen bin oder meinen Geist aktiv halte, alles trägt zur Erhaltung dieser Fähigkeiten bei und bringt vielfältige Gelegenheiten zu Freude, Begegnung und Wohlbefinden mit sich. Wir kennen den Spruch „wer rastet, der rostet“, oder neudeutsch „use it or loose it“.

Also: Aktiv bleiben ist gut, aber es ist nicht immer leicht: Ein Mensch, der mit diversen altersbedingten Einschränkungen umgehen muss, und dem durch den Umzug ins Pflegeheim seine vertrauten häuslichen Tätigkeiten abhanden gekommen ist, hat es vergleichsweise schwerer, ein aktives  Leben zu führen.

Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist: Wir sind eine Gesellschaft der Rastlosen. Aktiv sein heißt für viele Menschen: Etwas „machen“. Am besten etwas, was einen „Nutzen“ hat. Wenn schon nicht Arbeit, dann Hobbies, Sport… usw. Wir treiben dieses Spiel der Rastlosigkeit bis hin zum sogenannten „Freizeitstress“. Und wenn jemand augenscheinlich nichts „macht“, dann ist er in den Augen der anderen „inaktiv“ oder eben „passiv“.

Einen Tag verbummeln, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, wichtige Dinge liegen lassen, weil auf dem Balkon die Sonne so schön scheint,- können Sie das? Viele Menschen haben das verlernt. Für sie ist „nichts machen“ Stillstand. Und Stillstand ist schrecklich.

Auf den Punkt gebracht hat das der Humorist Loriot mit seinem Sketch „Feierabend“: Ein Mann will „einfach nur sitzen“. Die Ehefrau erträgt das nicht und malträtiert ihn wieder und wieder mit Vorschlägen: „Du könntest doch…“ – „Willst du nicht….“. Am Ende hat sie ihn tatsächlich „aktiviert“. Wie? Wenn Sie diese Szene nicht kennen, schauen Sie sie sich mal auf Youtube an.

Neben der Passivität gibt es nämlich auch einen anderen Gegenpol zur Aktivität: zur Ruhe kommen. Fünfe gerade sein lassen. Sich die Sonne aufs Gemüt scheinen lassen. Ein wunderbarer Zustand! Und dann kann es sein, dass, während ich nichts mache, plötzlich sehr viel passiert. Alle Sinne öffnen sich, ich nehme alles Mögliche wahr, was mir vorher gar nicht auffiel. Plötzlich schmeckt der Kaffee viel intensiver, weil mich nichts davon ablenkt, seinen Geschmack zu genießen. Gedanken kommen und gehen, am Anfang oft leidige wie z.B. „das und das muss ich erledigen“, später tauchen dann oft auch ganz kreative Ideen auf. Also alles andere als „Stillstand“!

In der Betreuung sind Sie immer wieder in der Situation, zu entscheiden, ob ein alter Mensch „Aktivierung braucht“, also inaktiv ist. Deshalb sollten Sie diesen Unterschied gut kennen: Wann ist ein Mensch „inaktiv“ und wann ist er „in Ruhe“. Damit nicht ein alter Mensch seine Geruhsamkeit aufgeben muss, nur um Ihnen das gute Gefühl zu geben, ihn „aktiviert“ zu haben!   

Umgekehrt: Nicht jeder Mensch, der „etwas macht“, ist auch aktiv in einem positiven Sinn. Ein Mensch mit Demenz, der angstgetrieben die Gänge auf- und abläuft, braucht nicht zusätzliche „Aktivierung“, sondern eine Hilfe, um zur Ruhe kommen zu können.

Müssen, sollen, dürfen Mensch „aktiviert werden“?
Wenn „ich jemanden aktiviere“, dann gibt es dabei ein aktives Subjekt (mich, also diejenige, die handelt) und ein passives Objekt: Der (inaktive) alte Mensch, der aktiviert „wird“. Sind Sie schon einmal von jemandem „aktiviert worden“? Wie fühlt sich dieser Gedanken an?

Ich muss dabei immer an einen Apparat denken, der eine „Ein-/Aus-Taste“ hat. Ich drücke die Taste, der Apparat springt an. Ich habe ihn aktiviert. Im Pflegeheim habe ich immer wieder Situationen erlebt, wo ich das Gefühl hatte, Betreuung wird betrieben, als ginge es darum, bei einem alten Menschen diese „On“-Taste zu finden (Biografiearbeit, etc.), um diese dann immer wieder zu drücken. Dann ist er „aktiviert“ und „funktioniert“. Prima. Dumm nur, wenn man die „On“-Taste nicht findet. Dann sitzt der Mensch mit versteinerter Miene in der Gruppe, kein Zeichen innerer Beteiligung. Dann wird es irgendwann mühsam, mit ihm umzugehen. Häufig werden solche Menschen dann sukzessive allein gelassen, weil sie sich  - wie ärgerlich - nicht „aktivieren lassen“.

Kurz gesagt: Die Idee, ich könnte „jemanden aktivieren“, ist absurd, und zwar aus zwei Gründen:
1.    Jede Art von „guter“ Aktivität setzt voraus, dass ich innerlich beteiligt, sozusagen „mit dem Herzen dabei“ bin. Und diese innere Beteiligung eines anderen Menschen können Sie nicht „machen“. Sie geht immer von der Person selbst aus.
2.    Es ist nicht nur praktisch unmöglich, Menschen „aktivieren“ zu wollen wie einen Apparat, es verletzt auch ihre Würde. Alltagsbetreuung ist keine Verrichtung, die ich „an“ jemandem ausführe. Der Andere ist kein Objekt, sondern ein Subjekt, eine Person. Und das gilt auch bei Menschen, die sich als Person kaum mehr mitteilen können, weil sie mit schweren demenziellen Einschränkungen leben.

Wie kann man Aktiv-Sein fördern?
Was Sie sehr wohl tun können, ist: Gute Bedingungen schaffen. Angebote machen, so dass ein alter Mensch Initiative, Lust auf etwas, innere Beteiligung, Freude an etwas entwickeln kann. Sie können ihn „einladen“, aktiv zu werden. Außerdem: Sie können die Gründe finden, die den einen Menschen daran hindern, innerlich oder äußerlich passiv aktiv zu werden; Hürden abbauen, die dem Menschen das Aktiv-Sein schwer machen.
Aber die Entscheidung, ob ein alter Mensch Ihre „Einladung“ annimmt, verbleibt bei ihm selbst.

Mehr von Marion Bär:

Das große Handbuch für Betreuungskräfte, erschienen im SingLiesel Verlag

 

www.singliesel.de
Gut leben im Alter. Auch mit Demenz.
Bücher. Spiele. Fortbildungen.

logo515aa843d6c58

 

* Pflichtfeld

Passende Artikel
Einfach telefonisch bestellen unter 0721 37 19-520 - Kauf auf Rechnung & kostenfreier Versand