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Kostenlose Kurzgeschichten für Senioren - auch mit Demenz 

16 Kurzgeschichten, die Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Die Jahreszeiten-Geschichten fangen Alltagsmomente ein, die Erinnerungen wecken. Sie erzählen von Scherzen im April, Abenteuern im Schwimmbad, Drachen im Wind und Mutproben auf dem Eis. Deshalb sind die humorvollen Geschichten genau richtig für gemütliche Lesenachmittage auf dem Sofa. Und wer weiß, vielleicht wecken sie Erinnerungen, die Sie mit Ihren Liebsten gerne teilen möchten.

Zum Vorgeschmack stellen wir Ihnen eine Geschichte kostenlos zur Verfügung. Viel Vergnügen beim Lesen!

Jahreszeitengeschichten - Der blaue Drachen


In der Schreibwarenhandlung an der Peterstraße hing ein Drachen, so schön und so groß wie Erich noch nie einen gesehen hatte. Er war aus dunkelblauem Transparentpapier, das in der Sonne leuchtete. Auf seiner Vorderseite war ein Gesicht aufgeklebt mit großen Augen und langen Wimpern, mit einem Mund, der fröhlich lachte, und einer dicken runden Nase mitten im Gesicht. Die Ohren waren als bunte Papiertrottel an beiden Seiten aufgeklebt. Außerdem hatte der Drachen einen langen bunten Schwanz aus Papierschleifen. Zu gerne hätte Erich diesen Drachen besessen, aber das war einfach nicht möglich. 3 D-Mark stand nämlich in energischer Handschrift darunter. Das konnte Erich sich einfach nicht leisten. Dabei waren die Stoppelfelder gemäht. Die Sonne schien noch warm und die Kinder liefen über die Felder, um ihre Drachen steigen zu lassen. „Erich, warum gehst du nicht zu Opa und bastelst einen Drachen mit ihm?“, fragte die Mutter und strich ihrem Sohn über den Kopf. „Opa kann so schöne Drachen basteln.“ Das stimmte wirklich. Aber Erich hatte sich nun mal in diesen Drachen verliebt. Ein selbst gebastelter Drachen kam nicht dagegen an.


Als Erich eines Tages aus der Schule kam und wie gewohnt zum Schreibwarengeschäft hinüberlief, war der Drachen nicht mehr im Schaufenster. Stattdessen hing eine alberne Puppe an seinem Platz. Erschrocken starrte Erich in die Auslage. Schließlich wagte er, das Geschäft zu betreten. „Entschuldigung, ich würde mir gerne mal den Drachen anschauen“, sagte er. Der dicke Verkäufer blickte von seiner Zeitung auf. „Verkauft“, sagte er. „Das war der letzte. Jetzt kommen die Winterwaren, verstehst du?“ Nein, Erich verstand kein Wort. Er wollte keine Winterware im Schaufenster sehen. Er wollte seinen Drachen wiederhaben. Bedrückt ging er nach Hause.


Als er am Nachmittag im Garten stand und zu dem großen Stoppelfeld hinüberblickte, sah er seinen Drachen am Himmel tanzen. So schnell Erich konnte, rannte er los. Am Rande des Feldes standen die Kinder mit ihren Drachen und hielten sie an einer langen Schnur fest. Erich erkannte sofort, wer den schönen blauen Drachen an der Hand hielt. Es war Hannelore, die Tochter des Großbauern am Ende des Dorfes. Natürlich, ihre Eltern hatten genug Geld, 3 D-Mark für einen Drachen auszugeben. Erich legte seine Jacke ins Stoppelfeld, setzte sich darauf und sah dem Drachen zu, wie er fröhlich und wild am Himmel auf und ab hüpfte. Er bildete sich sogar ein, der Drachen zwinkere ihm zu. Plötzlich kamen zwei Jungen auf das Feld gelaufen. Es waren Dieter und Peter, die wilden Söhne des Schusters aus der Dorfstraße. Dieter rannte sofort auf Hannelore zu. „Gib mal her!“, rief er. „Kann der auch einen Salto?“ „Nein!“, erwiderte Hannelore und hielt ihre Schnurrolle ganz fest. „Gib doch mal her!“, rief Dieter nun fordernder. Und Peter fügte hinzu: „Kriegst ihn doch gleich wieder.“ Hannelore wagte nicht, noch einmal zu widersprechen. Mit zusammengebissenen Lippen reichte sie Dieter den Drachen. „Aber nur ganz kurz“, sagte sie. „Natürlich“, versicherte er, aber Erich wusste genau, dass sich Dieter nie an seine Versprechen hielt. Dieter nahm die Schnurrolle, zog daran und lenkte den Drachen so, dass er einen Salto Richtung Feld machte. Hannelore schrie erschrocken auf. Dieter und Peter lachten. Schnell gab Dieter wieder etwas Schnur nach und der Drachen gewann wieder an Höhe. „Alles gut!“, lachte er. „Ist doch nichts passiert.“ „Gib mir meinen Drachen wieder!“, rief Hannelore nun unglücklich und zerrte an Dieters Arm. Doch der schüttelte sie ab. „Lass doch mal. Bekommst ihn gleich wieder. Ich will nur ein bisschen Spaß haben.“ Er ließ den Drachen erneut einen Salto machen. Dann führte er ihn mit einem Sturzflug zum Boden, um ihn in letzter Minuten abzufangen und wieder in die Luft starten zu lassen. „Ich will auch mal!“, drängte Peter. Dieter reichte seinem Bruder den Drachen, ohne auf Hannelores Gejammer zu hören. Auch Peter ließ den Drachen einen Salto machen. Doch dann … „Pass auf!“, schrie Dieter. „Nein!“, brüllte Hannelore. Und auch Erich auf seiner Jacke presste sich die Hand vor den Mund, um nicht laut zu schreien. Der Drachen flog im Sturzflug auf das Feld. Es gab ein Geräusch, das sich wie ein Knacksen anhörte. „Mist!“, fluchte Peter. Dann warf er die Schnurrolle ins Feld und rannte davon.


Dieter folgte ihm. Hannelore stand einen Moment lang ganz starr vor Entsetzen, dann lief sie zu ihrem Drachen hinüber. Langsam stand Erich auf. Er wusste nicht, was er machen sollte. Erst, als er Hannelore vor dem Drachen stehen sah und sie die Hände vors Gesicht schlug, ging er zu ihr hinüber. Hannelore weinte nicht. Sie stand einfach ganz still und starr da, das Gesicht weiß wie Schnee. Nur ihre Lippen bebten. Erich bückte sich zu dem Drachen hinunter und hob ihn auf. Die beiden Leisten waren gebrochen, das Transparentpapier in der Mitte zerrissen. Die Augen des Drachens aber funkelten immer noch, als wenn sie nicht glauben könnten, was geschehen war. „Kaputt“, sagte Hannelore nun mit tonloser Stimme. Erich nickte bedrückt. Doch plötzlich fiel ihm etwas ein. „Mein Großvater“, sagte er, „hat eine kleine Schreinerwerkstatt und hat mir schon oft einen Drachen gebaut.“ Hannelore starrte ihn immer noch an und sagte kein Wort. Sie schien einen richtigen Schock zu haben. „Komm mit!“, schlug Erich vor. Dann ging er los. Den Drachen trug er vorsichtig in der Hand. Hannelore folgte ihm. Erichs Großvater saß wie immer in der Schreinerwerkstatt. Er war gerade damit beschäftigt, ein Spielzeug für sein jüngstes Enkelkind zu schnitzen. „Donnerwetter, Erich, was bringst du denn da?“, rief er mit seiner krächzenden Stimme. „Das ist ja ein wundervoller Drachen. Wer hat ihn denn so zugerichtet?“ Erich erzählte ihm die ganze Geschichte. In der Zwischenzeit untersuchte der Großvater den Drachen, nahm schließlich Leisten aus der Ecke und Papier aus der Schublade. „Dann wollen wir den kleinen Freund mal wieder flottmachen“, meinte er. Es dauerte fast den ganzen Nachmittag. Hannelore und Erich wichen dem Großvater nicht von der Seite. Sie reichten ihm Nägel und eine Schere und sahen ihm bei der Reparatur über die Schulter. Schließlich war der blaue Drachen fertig und sah fast so aus wie vorher. „Es ist noch etwas Zeit bis zum Abendessen“, sagte der Großvater. „Wir sollten den Drachen noch ausprobieren.“ Das ließen sich Hannelore und Erich nicht zweimal sagen. Zu dritt gingen sie auf das große Stoppelfeld. Es wehte immer noch ein leichter Wind. Die Sonne hatte sich schon rot gefärbt. Hannelore hielt die Schnur. Erich stellte sich mit dem Drachen in den Wind. „Und Start!“, rief der Großvater. Erich ließ los und der blaue Drachen schoss den Wolken entgegen und tanzte fröhlich am Himmel. Vielleicht lachte er sogar noch mehr als zuvor. Glücklich blickte Erich sich um und schaute in die fröhlichen Gesichter von Hannelore und seinem Großvater.

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