Kostenlose Kurzgeschichte für Senioren - auch mit Demenz
Heiter und zünftig geht es in den 16 Geschichten zu – genau wie beim wöchentlichen Stammtischtreffen. Stammtischgespräche leben von politischen Diskussionen, lokalen Neuigkeiten und ganz persönlichen Geschichten. Und sie alle sind in diesem Buch versammelt. Hier feilscht man mit Bauernschläue um Haus und Hof, brüstet sich mit Heldentaten, legt einem Trickbetrüger das Handwerk und vieles mehr. Alle Geschichten sind mit einem Augenzwinkern geschrieben. Sie bringen zum Lachen und wecken Erinnerungen.
Zum Vorgeschmack stellen wir Ihnen eine Geschichte kostenlos zur Verfügung. Viel Vergnügen beim Lesen!
Stammtischgespräche - Zur alten Schule
Seit fast 40 Jahren trafen sich Minna, Trude, Else und
Marianne in ihrer Stammkneipe „Zum Goldenen
Ochsen“. Sie kannten einander noch aus der gemeinsamen
Schulzeit. Und obwohl sie schon so
lange befreundet waren, hatten sie sich immer noch
viel zu erzählen. Sie redeten über die Geschehnisse
in der Stadt, über ihre Familien und über die Weltpolitik.
Besonders gerne aber redeten sie über die
gemeinsame Schulzeit.
„Wisst ihr noch, der Klose, wie der uns immer im
Chemieunterricht schikaniert hat?“, erinnerte sich
Marianne mit Grausen an ihren Chemielehrer.
„Wenn er schlechte Laune hatte, rief er mich immer
an die Tafel.“
Ja, daran erinnerten sich Else, Trude und Minna
noch zu gut. Sie hatten es geradezu vor Augen, wie Marianne mit hochrotem Kopf an der Tafel stand und
nichts wusste.
„Und dann hat er immer gesagt: ‚Marianne, heiraten
Sie bloß. Für eine erfolgreiche Ausbildung sehe
ich da schwarz‘“, fiel Marianne ein.
„Was für eine Frechheit!“, rief Else. Schließlich war
Marianne Rechtsanwältin geworden – eine der besten
Anwältinnen der Stadt.
„Der war ja nur sauer, weil du ihn nicht mochtest“,
behauptete Trude. „Der hat doch gemerkt, wie viele
Mädchen damals in ihn verliebt waren. Richtig eingebildet
war er.“
„Er war ja auch damals ein richtig fescher Junglehrer,
als er an unser Mädchengymnasium kam“, fiel
Minna ein.
„Aber hundsgemein war er!“, fügte Marianne
verächtlich hinzu. „Er hat so viele Schülerherzen
gebrochen. Nicht nur zu mir war er so gemein. Er hat
auch Mädchen aus anderen Klassen beleidigt und
vorgeführt.“
Die Freundinnen nickten.
„Hoffentlich kriegt er im Himmel die gerechte
Strafe dafür“, wünschte ihm Minna.
„Im Himmel? Das ist viel zu spät“, seufzte Marianne.
„Das werden wir dann ja vielleicht nicht miterleben.“ Wieder nickten die Freundinnen. Gedankenverloren
tranken sie ihren Rotwein und ließen ihre Gedanken
schweifen.
„Sein Sohn unterrichtet übrigens jetzt an unserem
ehemaligen Mädchengymnasium“, berichtete Trude
plötzlich. „Der ist auch Chemielehrer geworden.
Und er soll die Schüler genauso bloßstellen, wie sein
Vater uns damals auch blamiert hat.“
„Das ist ja furchtbar!“, riefen alle entsetzt. „Der
Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm.“
Plötzlich fiel Else etwas ein. „Habt ihr Lust, unserer
alten Schule mal einen Besuch abzustatten?“, fragte
sie. „Meine Tochter ist doch dort auch Lehrerin. Sie
hat natürlich einen Schlüssel für die Schule.“
Nun wurden alle ganz aufgeregt.
„Meinst du, das ginge? Würde sie uns den Schlüssel
geben?“, fragten sie.
Else zuckte die Achseln. „Wir müssen sie ja nicht
unbedingt fragen“, meinte sie. „Ich weiß, wo sie den
Schlüssel aufbewahrt.“
Alle kicherten. Was für eine verrückte Idee!
Schnell
zahlten sie ihre Getränke und verließen den „Goldenen
Ochsen“. Eine Stunde später standen sie mit klopfenden Herzen
im Schulflur ihrer alten Schule. Im Halbdunkeln
tasteten sie sich durch die Treppenhäuser.
„Es riecht noch immer wie früher“, meinte Trude.
„Schaut mal, hier war unser alter Klassenraum, als
wir in der Oberprima waren“, erinnerte sich Else. Sie
schloss den Raum auf, und die Frauen drängten
hinein.
„Dort hinten haben Trude und ich gesessen“, fiel
Marianne ein. „Und du, Else, saßt immer ganz vorn
und hast die Lehrer mit deinen unschuldigen Rehaugen
völlig aus dem Konzept gebracht.“
Sie kicherten wie kleine Schulmädchen.
Jetzt will ich noch den Chemieraum sehen“, meinte
Marianne. „Mal schauen, ob ich die Erinnerungen
an die peinlichen Chemiestunden auf die Weise
verarbeiten kann.“
Zu viert schlichen sie nun die Treppe hinauf, gingen
dann den langen Flur entlang, der zu den naturwissenschaftlichen
Räumen führte.
Der Chemieraum lag nach hinten raus, darum
traute sich Else, das Licht anzuschalten. Beeindruckt
blieben alle in der Tür stehen. Die Stühle und Tische
waren neu, und so sah der Chemieraum plötzlich
freundlicher aus, als sie ihn in Erinnerung hatte. Aber er roch immer noch nach Schwefelsäure und das
hatte einen unangenehmen Nachgeschmack.
„Ja, hier an der Tafel habe ich so manches Mal
gestanden“, seufzte Marianne.
Trude hatte sich inzwischen an das Lehrerpult
gesetzt.
„Hier liegt ja noch ein Klassenbuch“, bemerkte sie
und blätterte in den Seiten herum. „‚Kasimir Klose,
Chemie‘, steht darauf. Sagt bloß, der Sohn vom
Klose heißt auch Kasimir. Kein Wunder, dass der
genauso schrecklich ist, wie sein Vater.“
Nun kamen auch die anderen zu Trude an das Pult
und schauten ihr über die Schulter. „Junge, Junge,
der vergibt ja keine besonders guten Noten“, stellten
sie fest. „Hier, guckt euch mal diese Zensuren an.
Die beste Note ist eine Drei. Die meisten haben
Vieren. Und da, guckt mal, dieses arme Mädchen
hier.“ Trude zeigte auf den Namen einer Schülerin.
Hinter ihrem Namen waren zwei Fünfen und eine
Sechs zu finden.
„Das wollen wir doch gleich mal verbessern“,
schlug Marianne vor. Sie griff zu einem Radiergummi,
der in einem Gefäß auf dem Pult lag.
Kasimir Klose war so leichtsinnig gewesen, seine
Noten mit Bleistift einzutragen. Sofort machte sich Marianne daran, die schlechten Noten auszuradieren.
„Marianne, bist du verrückt? Das ist Urkundenfälschung!“,
rief Trude entsetzt.
Marianne lachte. „Quatsch. Das ist einfach ein
bisschen Lebenshilfe, mehr nicht.“
Sie schnappte sich einen Bleistift und veränderte
die Fünfen und Sechsen in Einsen und Zweien.
„Wenn du diese Noten verbesserst, solltest du
diesem Mädchen hier auch ein wenig helfen“,
schlug Minna vor und zeigte auf eine weitere Reihe,
in der ein anderes Mädchen ebenfalls viele schlechte
Noten aufwies.
Zeile für Zeile gingen die Frauen nun das Klassenbuch
durch und veränderten die schlechten Noten in
gute. Als sie fertig waren, hatten sie richtig gute
Laune.
„Da wird sich Klose Junior wundern, warum er auf
einmal so gut zensiert hat“, kicherten sie.
Draußen schlug die Turmuhr. Es war Mitternacht.
„Kommt!“, rief Else vergnügt. „Wir sollten noch
schnell in den ‚Goldenen Ochsen‘ zurückkehren,
bevor er schließt. Ein großes, kühles Weizenbier
haben wir jetzt alle verdient.“
Kichernd machten sie sich leise aus dem Staub. Es
war schön, die Schule wiedergesehen zu haben. Noch schöner aber war es gewesen, einem Klose
eins ausgewischt zu haben und nebenbei noch einigen
Schülern aus der Patsche helfen zu können.
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