Umgang mit Menschen mit Demenz

Kapitel 1: Demenz - was bedeutet das eigentlich?

Kapitel 2: Leben mit Demenz
- Demenz, Alzheimer - Was kann ich tun?
- Für Angehörige: Menschen mit Demenz besser verstehen
- Empfehlungen für den Umgang mit Menschen mit Demenz
- Empfehlungen zum Alltag mit Demenz
- Dem Leben immer wieder eine Chance geben
- Leben mit Demenz: 10 Ratschläge für Angehörige

Kapitel 3: Hilfe und Unterstützung
Kapitel 4: Finanzielles
Kapitel 5: Rechtliches

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Die folgenden Empfehlungen haben sich in der Betreuung von Menschen mit Demenz bewährt. Das heißt nicht, dass nicht im Einzelfall auch ein ganz anderer Weg hilfreich ist. Menschen sind unterschiedlich, auch Menschen mit Demenz. 

Das sollten Sie vermeiden

Korrigieren und Belehren

„Ich rufe jetzt meine Mutter an!“ Die demenzkranke Dame ist 90 Jahre alt und reagiert verletzt, wenn ihre Tochter ihr vorhält: „Deine Mutter ist doch längst tot!“. Die Wirklichkeit stellt sich für Menschen mit Demenz häufig anders dar als für die Menschen in ihrer Umgebung.

Verzichten Sie in solchen Situationen darauf, Ihren Angehörigen belehren zu wollen. Und lassen Sie sich nicht auf den Kampf „Wer hat Recht?“ ein. Versuchen Sie lieber, zu erspüren, welches Bedürfnis hinter einer Aussage steht. „Deine Mutter fehlt dir sicher, oder?“.

Bewerten

 „Man stellt doch die Schuhe nicht in den Küchenschrank!“ Welche Botschaft transportiert dieser Satz? Diese: Wie kann man nur so einen Blödsinn machen! Sogenannte Fehlleistungen (man könnte auch sagen: kreative Lösungen für das Problem „Ich kenne mich nicht mehr aus.“) werden häufiger, wenn die Demenz voranschreitet.

Es ist nicht hilfreich und für Betroffene häufig verletzend, immer wieder darauf hingewiesen zu werden. Wenn die Schuhe nicht im Küchenschrank bleiben sollen, lässt sich dies auch anders vermitteln: „Ich habe deine Schuhe gefunden und bringe sie ins Schuhregal. O.k.?“

Allerdings: Im Anfangsstadium der Demenz kann es vorkommen, dass Betroffene es sich explizit wünschen, darauf hingewiesen zu werden, wenn ihnen ein Fehler unterläuft: „Bitte sag mir Bescheid, wenn ich in der Gartenhose aus dem Haus gehe!“ – „Bitte weise mich darauf hin, wenn ich gerade wieder im ‚falschen Film‘ bin“. Dann ist ein entsprechender Hinweis, wertschätzend formuliert, eine Hilfestellung.

Empfehlungen für die Kommunikation mit Menschen mit Demenz

Seit unserer Kleinkindzeit sind wir mit anderen über die Sprache in Kontakt. Die Demenz macht diese Kommunikation irgendwann zu einer Herausforderung. Doch auch dann sollte die Kommunikation nicht abreißen. Denn es ist schlimm für einen Menschen, wenn er nicht mehr als Ansprechpartner wahrgenommen wird.

Inwieweit Sie Ihre Kommunikation anpassen müssen, hängt davon ab, wie sehr die Sprache Ihres demenzkranken Angehörigen beeinträchtigt ist. Das ist sehr unterschiedlich. Wenn Sie wahrnehmen, dass Ihr Angehöriger Schwierigkeiten hat, Sie zu verstehen, oder Schwierigkeiten, sich in Worten auszudrücken, sollten Sie die folgende Regeln beachten:

•    Schauen Sie den Menschen mit Demenz an, wenn Sie mit ihm sprechen. Nehmen Sie Blickkontakt auf. Dann versteht er Sie besser, und Sie bekommen besser mit, ob er Sie verstanden hat.

•    Sprechen Sie in einfachen Sätzen und teilen Sie nicht zu viel auf einmal mit.

•    Es kann notwendig sein, langsamer und deutlicher zu sprechen, als Sie es sonst gewohnt sind.

•    Stellen Sie Fragen so, dass Ihr Angehöriger mit JA oder NEIN darauf antworten kann. Zum Beispiel: „Möchtest du jetzt einen Spaziergang gehen?“ statt: „Was möchtest du jetzt machen?“

•    Lassen Sie Ihrem Angehörigen ausreichend Zeit, Sie zu verstehen und eine Antwort zu formulieren.

•    Die Kommunikation kann durch Berührung unterstützt werden. 

•    Je weniger Worte dem Menschen mit Demenz zur Verfügung stehen, umso wichtiger werden die nicht-sprachlichen Kommunikationssignale: Mimik, Gestik, Blickkontakt. Achten Sie auf solche Verhaltensäußerungen. Gerade wenn man einen Menschen schon lange kennt, können solche Signale helfen, zu verstehen, wie es der Person geht, und was ihre Bedürfnisse sind.

•    Wenn eine Verständigung über Sprache nicht mehr möglich ist: Kommunikation geht auch ohne Worte. Das mag am Anfang sehr ungewohnt sein, beispielsweise einfach beieinanderzusitzen ohne viele Worte, oder zu erzählen, ohne eine Antwort zu bekommen. Aber die Antwort kann auch auf anderem Wege kommen: ein Blickkontakt, ein Lächeln, oder dass mein Händedruck erwidert wird.

Umgang mit herausforderndem Verhalten

Im Verlauf einer Demenz kommt es oft vor, dass sich das Verhalten eines Menschen verändert. Es kommt auch vor, das Betroffene sich auf eine Weise verhalten, die uns alarmiert: dass sie aggressiv werden, Angst entwickeln, unruhig werden, sich distanzlos verhalten oder apathisch werden. All dies sind Beispiele für sogenannte herausfordernde Verhaltensweisen. Solche Verhaltensweisen sind für Angehörige in der Regel sehr belastend. Man ist ratlos, verletzt, vielleicht zornig und man weiß nicht, wie man damit umgehen soll.

Das können Sie bei herausforderndem Verhalten tun:

•    Machen Sie sich immer wieder bewusst, dass Ihr Angehöriger unter Stress handelt bzw. sich in einer Ausnahmesituation befindet. Solches Verhalten ist nicht von bösem Willen geleitet und hat auch nicht das Ziel, Sie bewusst zu verletzen.

•    Versuchen Sie herauszufinden, in welchen Situationen diese Verhaltensweisen auftreten. Häufig sind Stressfaktoren im Spiel, die beeinflusst werden können (z.B. störende Umweltreize, Schmerzen, Harndrang). Machen Sie sich gegebenenfalls Notizen und sprechen Sie mit einem Demenzexperten darüber.

•    Wenn herausforderndes Verhalten auftritt: Bleiben Sie ruhig. Das hilft auch Ihrem Angehörigen, wieder ruhiger zu werden. Es kann hilfreich sein (gerade bei aggressivem Verhalten), aus der Situation zu gehen und etwas später wiederzukommen, wenn der Angehörige sich beruhigt und den Zwischenfall vergessen hat. Auch Ablenkung kann manche brenzlige Situation entschärfen. Was genau hilfreich ist, erfahren Sie, wenn Sie den Ursachen des Verhaltens auf die Spur gekommen sind.

•    Gehen Sie achtsam mit Ihren eigenen Gefühlen um. Dass ein bestimmtes Verhalten nicht gegen Sie gerichtet ist, ändert unter Umständen nichts daran, dass Sie sich verletzt oder auf andere Weise getroffen fühlen. Überlegen Sie: Was brauchen Sie nach einer solchen Situation – Das Gespräch mit jemandem, der Sie versteht? Einen Spaziergang? Etwas, was Sie auf andere Gedanken bringt? Solche „Auszeiten“ stehen Ihnen zu, und jede Fachberatung wird Sie dabei unterstützen, sie sich zu schaffen.

Umgang mit dem Selbstbestimmungsbedürfnis von Menschen mit Demenz

„Das kann ich doch noch! Denkt ihr etwa, dass ich blöd bin?“ Nein, das denken die Kinder nicht. Aber dass der demenzkranke Vater nach wie vor Auto fährt, macht ihnen große Sorge.

Selbst über unser Leben bestimmen zu können, ist ein Recht, dass uns allen sehr wichtig ist. Gerade im Anfangsstadium kämpfen Menschen mit Demenz häufig vehement um dieses Recht und können sehr sensibel reagieren, wenn sie dieses bedroht sehen.

Die Selbstbestimmungsfähigkeit lässt im Laufe der Demenz nach. Aber in jeder Phase gibt es noch Lebensbereiche, über die der Mensch selbst entscheiden kann. Bei fortgeschrittener Demenz kann ich den Betroffenen bspw. immer noch an einfachen Entscheidungen beteiligen: „Möchtest Du jetzt etwas trinken?“, „Möchtest Du Dir diese Bilder anschauen?“.

Wenn Sie bestimmte Willensäußerungen Ihres Angehörigen problematisch finden, sollten Sie zwei Fragen klären: Was bedeutet diese Handlung für ihn? Und: Mit welchen Konsequenzen ist zu rechnen? Entsteht daraus ein Risiko für ihn selbst oder für andere? Ein Beispiel: Wenn jemand darauf besteht, mit zwei unterschiedlichen Schuhen aus dem Haus zu gehen, ist dieses Risiko nicht gegeben. Und dann stellt sich die Frage, ob eine solche Handlung nicht einfach toleriert werden kann.

Hinter dem Beharren darauf, selbst bestimmen zu wollen, kann sich auch eine tiefe Angst davor verbergen, nicht mehr ernst genommen, bevormundet und wie ein kleines Kind behandelt zu werden. Wenn es Ihnen gelingt, im Umgang mit Ihrem Angehörigen immer wieder deutlich zu machen, dass Sie ihn als erwachsene Person respektieren, lindert das seine Angst und hilft ihm, in bestimmten Situationen auch nachzugeben.

Wenn Sie allerdings zu dem Schluss kommen, dass ein Risiko besteht (im Beispiel oben: Wenn der Vater tatsächlich eine unsichere Fahrweise entwickelt hat), so sind Sie (bzw. derjenige, der gesetzlicher Betreuer oder Bevollmächtigter ist) tatsächlich in der Verantwortung, handeln zu müssen. Wichtig ist es dann, das Vorgehen gemeinsam abzusprechen. Und es ist ratsam, sich Beratung zu holen, um sicher zu gehen, dass man in dieser schwierigen Situation den bestmöglichen Weg findet.

   
   
 

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